Social Philately ist in den 1980er-Jahren in Australien und Neuseeland entstanden und passt somit hervorragend zu unserem Verein. Es hat sich weltweit ein steigender Trend gebildet; inzwischen gibt es diesbezügliche Ausstellung-Klassen, eigene Zeitschriften und jetzt auch eine Unterseite in unserem Internet-Auftritt.

Da der Marktwert einer philatelistischen Einheit wie Brief oder Karte hier keine Bedeutung spielt und es auf die Analyse und das Erkennen von Zusammenhängen ankommt, ist dies ideal auch für Einsteiger.

Mit geringem Geldeinsatz kann man hier viele Stunden genussvoll damit verbringen, genealogische, politische, wirtschaftliche und soziale Zusammenhänge zu analysieren. Es geht um die menschliche Seite der Postgeschichte, um die Kombination zwischen Philatelie und historischer Analyse.

Offensichtlich handelt es sich hierbei um den perfekten Einstieg in die Philatelie für die “Generation Google”, wodurch dann auch die Zukunft der gesamten Philatelie gesichert werden könnte..

In lockerer Folge werden hier jetzt solche Analysen durchgeführt und vorgestellt. Gerne stelle ich auch Ihre Analysen vor oder führe derartige Analyse an von Ihnen bereit gestellten Einheiten vor.


 

Karte an Unbekannten im Café de l’Opera in München

 

Das Schönste an Social Philately ist der Überraschung-Moment, wenn Aspekte oder Erkenntnisse ans Licht kommen, mit denen man nicht gerechnet hat.

Abgang Sydney 23. 12. 1891 / Eingang München 29. 01. 1892

Abgangsstempel

Die “Kaiser Wilhelm II” fuhr noch mehr als weitere zehn Jahre bis nach Australien. Ein Postamt gab es auf diesen Schiffen im Ostasiatischen und Australischen Raum erst mit Beginn einer Probephase, die am 3. August 1895 beschlossen wurde.

Daher gab es zu diesem Zeitpunkt auch noch keine Schiffspost-Stempel.

 

 

Eingangsstempel “MUENCHEN B.U. /29 / Jan. /5-6 Nm. /92.”

“B.U.” ist beim genaueren Hinsehen ein “B.Ü.” und steht somit für “Briefpost Übernahme”. Später heißt dies dann “Brief-Post-Bestellung”. In der Stempeldatenbank von www.stampsx.com findet man, dass es sich um einen K1-Stempel (Einkreis Rundstempel) handelt, der einen Durchmesser von 28,00 mm aufweist.

Der Verwendungszeitraum wird von 1890 – 15.5.1899 geschätzt.

Der 29. Januar 1892 war ein Freitag (https://www.timeanddate.de/). Der Hinweis “5-6 Nm.” bedeutet “Nachmittags zwischen 5 und 5 Uhr”.

Der Nummernstempel mit der “39” auf der Vorderseite der Karte stammt auch aus München und dokumentiert den Briefträger, der sich um die Zustellung kümmern musste, da die Adresse ja unvollständig war. Man nennt diese Stempel auch Briefträgerstempel oder Bearbeitungsstempel Nachschlagestelle.

 

Portostufe

Zwei Monate vor dieser Versendung, am 1. Oktober 1891, trat NSW in die UPU ein und übernahm damit die entsprechenden Gebührenregeln.

 

 

 

 

Das Schiff “Kaiser Wilhelm II”

Ein Schnelldampfer mit diesem Namen lief erst 1902 vom Stapel und ist somit diesem Schiff nicht zu verwechseln.

Zu “unserem” Schiff gibt es viel Interessantes auf Wikipedia unter https://de.wikipedia.org/wiki/Kaiser_Wilhelm_II._(Schiff,_1889) .

Sie wurde 1889 für den Reichspostdampferdienst nach Australien gebaut und war zu dieser Zeit das größte Schiff des Norddeutschen Lloyd. Am 2. Oktober 1889 startete sie dann erstmals als größtes Schiff auf dieser Route nach Australien.

Kaiser Wilhelm II

 

Im Sydney Morning Herald vom 8. April 1892 wird die Ankunft des Schiffes beschrieben und die genauen Daten der Reise dargestellt. Am 18. Februar hat sie Bremen verlassen. Die nächsten Stationen waren Amsterdam (22.2.), Southampton (23.2), Genua (2.3.), Port Said (6.3.), Suez (7.3.), Aden (12.3.), Adelaide (19.3),  Cape Louwin (30.3.).

Eine Fahrt dauert somit ca. 7 Wochen. Wenn also die vorherige Fahrt von Sydney nach Bremen im Dezember/Januar stattfand,  könnte es passen, dass der Brief am 23. Dezember im Postamt aufgegeben und mit diesem Schiff transportiert wurde.

 

Text, soweit identifizierbar:

Ersuche den III. Chargierten, den an Cpsbr. ……. (Malzer ?) adressierten Brief an seine richtige Adresse befördern zu wollen. Ich wußte dieselbe leider nicht auswendig, und bitte sämmtlichen Corpsbrüdern meinen Gruß entrichten zu wollen. Mit den besten Wünschen.
Name (unleserlich)
“D. Kaiser Wilhelm II.”
Die Karte ist insofern bemerkenswert, als sie einige Ungereimtheiten aufweist, die ich mir nicht erklären kann.
Hier schreibt also ein Verbindungsstudent einer Münchner Corporation an jemanden, der im Cafe de l’opera in München
logiert oder verkehrt. Ein Cafe de l’Opera hat es meines Wissens nach in München nie gegeben (ich habe 4 Jahre in München gewohnt), ich kann darüber auch nichts finden. Er spricht von einem Brief, den der Corpssekretär (III. Chargierter) weiterleiten
soll. Es handelt sich aber um eine Postkarte, wo ist da der Brief. Und warum hat er den Brief nicht im Umschlag geschickt und
die Bitte um Weiterleitung beigelegt ? Das D. “Kaiser W.” unter der Unterschrift dürfte darauf hinweisen, dass der Absender
die Karte entweder auf dem Dampfer “Kaiser W.” geschrieben hat oder auf diesem als Angestellter unterwegs ist. Einen
Schnelldampfer diese Namens gab es, er wurde allerdings erst nach 1900 gebaut. Die Karte ist unterschrieben “mit den besten
Wünschen”, einer für einen Corpsstudenten sehr ungewöhnlichen Wendung, er hätte normalerweise die Floskel “mit corps-
brüderlichen Grüßen!” gewählt. Außerdem sehe ich nach der Unterschrift keinen Zirkel, das grundsätzlich bei Korrespondenzen
zwischen Corpsbrüdern verwendete Zeichen des Corps.